Martin 
Eschenbronner
Martin Eschenbronner
Die Welt ist unser Bild von ihr 
Information und Wissen
aus moderner Sicht 

Hauptseite
Archiv
 

Info
Links
 
 
 
 
 
 

 

Das unendlich Kleine

In Bayern leben verschiedenene Volksstämme. Grob gesprochen sind es die Bayern, die Franken, die Oberpfälzer und die Schwaben. Die Unterschiede sind auch für einen Fremden leicht zu erkennen. So war zum Beispiel auf einem Fernsehwerbespot der Nürnberger Versicherung vom Genotyp her ein Oberfranke zu erkennen, ein Mann also, wie ihn die Leute in Nürnberg offenbar als für Werbezwecke geeignet hielten. Oder Sie erleben als Reisender an einem Imbißstand in Regensburg die große Überraschung, dass dort die Weißwürste gebraten werden, während Sie gelernt haben, dass man diese Würste in Bayern nur gekocht und geschält (boiled and peeled) essen darf.

Die Unterschiede in den Volksstämmen Bayerns sind damit nur ganz grob und flüchtig skizziert. Der wirkliche Kenner der Materie wird Ihnen dazu eine Unmenge an Einzelheiten liefern können und Sie vor allem darauf hinweisen, dass es Oberbayern und Niederbayern (also keine Unterbayern) gibt, und dass auch ein Oberbayer nicht einfach ein Oberbayer ist. So gibt es zum Beispiel zwischen den Bewohnern von Erding und Miesbach gewaltige Unterschiede, und auch Erding erweist sich nur auf den ersten Blick als ein homogenes Ganzes.

Von weitem betrachtet, also zum Beispiel aus der Sicht eines Bomberpiloten oder von Japan und den USA aus, tragen alle Bayern eine Lederhose und sind unentwegt damit beschäftigt, vor der Kulisse des Neuschwansteiner Schlosses zu jodeln und aus großen Glaskrügen Bier zu trinken. In Heidelberg halten sich nach diesem Raster gleichartige Menschen auf und auch sonst in ganz Deutschland.

Es verhält sich wie mit einer Küstenlinie. Wenn wir eine Küstenlinie auf einem Satellitenfoto betrachten, erscheint sie uns vergleichsweise wenig verwunden und deshalb auch nicht sonderlich lang. Je näher wir herankommen, desto deutlicher wird, wie fein die Küstenlinie gezeichnet ist. Und wenn wir mit der Lupe am Strand stehen, haben wir eine Küstenlinie mit unendlich vielen kleinen Windungen sowie einer unendlichen Länge. (Schön wäre es, wenn Sie jetzt an Fraktale denken würden, wie zum Beispiel die Mandelbrotmenge, die sich früher so herrlich auf dem Atari ST darstellen lassen ließ).

Es geht darum, bei allem was wir denken und tun, den richtigen Maßstab zu finden, sozusagen die geeignete Tiefenschärfe einzustellen.

Sich auf diesem Gebiet Gedanken zu machen, ist außerordentlich enttäuschend. Was braucht einen Indianer in Kanada zu interessieren, ob man eine Weißwurst kocht oder brät. Warum soll ein Afrikaner wissen, wie man in einem Iglu eine Tranfunzel anzündet? Was kann ein Deutscher mit der Information anfangen, dass das von den Schwarzen in Südafrika selbst gebraute Bier schwächer oder stärker ist, als dasjenige aus Erding in Bayern (Oberbayern)? Warum sollte man einem Russen erzählen, wie im Siegerland früher Brot gebacken wurde? Und welchen Grund gibt es, dass ein Fußballspieler oder ein Politiker wissen sollte, was die Mandelbrotmenge und ein Atari ST sind?

Die Vorliebe für das unendlich Kleine ist dennoch ungebrochen. Haben Sie auch einen Bekannten, der ein Ferienhaus besitzt und ihnen lang und breit erklärt, dass es in Italien, jedenfalls in einigen Regionen des Nordens, zwar ein Grundbuch gibt, entscheidend aber ist, ob die Servitutsrechte im Theresianischen Kalender eingetragen sind? Oder einen solchen, der seinen Urlaub gerne auf Mallorca verbringt und der Ihnen mitteilt, dass in Spanien von allen Periodika, auch den Tageszeitungen, nur etwa 5 % abboniert sind, während der Rest (also 95%, bitteschön!) im Straßenhandel vertrieben wird? Oder wie halten Sie es mit jenem, der Ihnen erläutert, dass es völlig in Ornung geht, wenn Meryl Streep als beste Nebendarstellerin des Filmes "Adaption" in Los Angeles mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde?

Sich Gedanken über die geeignete Tiefenschärfe zu machen, ist deshalb eine ernüchternde Angelegenheit, weil es keine objektiv sinnvollen Kriterien für die Wahl des Maßstabes, den man anlegen sollte, gibt. Es sind allein Gesichtspunkte der Zweckmäßigkeits entscheidend. Außerdem nur solche, die gerade im Augenblick gelten.

Soweit es sich dabei um berufliche Anforderungen handelt, stellt sich die erforderliche Tiefenschärfe automatisch ein. Wer sich um die Stelle eines Personalchefs bewirbt, wird eben diejenigen Kenntnisse mitbringen müssen, die in der heutigen Zeit zu diesem Berufsbild gehören und vom zukünftigen Arbeitgeber erwartet werden. Wer in Bayern Geschäfte machen will, hat Vorteile, wenn er die regionalen Unterschiede beherzigt. Jemand, der in der Informationstechnologie erfolgreich sein will, wird schnell lernen, dass es nicht ausreicht, wenn er weiß, wie "PC" geschrieben wird.

Aber sonst? Welche Tiefenschärfe ist zum Beispiel erforderlich, wenn man gebildet sein möchte?

Das Ergebnis all solcher Überlegungen ist irgendwie deprimierend. So sehr Sie sich auch anstrengen, Sie werden stets zum gleichen Resultat kommen. Es ist nützlich, sich nach den Anforderungen der Clique zu richten, der man gerade angehört. Mehr an Verbindlichkeiten bei der Bestimmung eines vernünftigen Maßstabes gibt es nicht. Hat es jemals etwas anderes gegeben? Könnte es sein, dass der typische Wissensschatz eines Studienrats samt der ihm eigentümlichen Tiefenschärfe (ein Kamel hat zwei Höcker, sonst wäre es ein Dromedar) nichts anderes ist, als was bei der Angehörigkeit zur Clique der Studienräte nötig ist? Und dass ein Kopfschlächter einfach einer anderen Clique angehört? Oder dass Sie selbst eben auch einer anderen Clique angehören?

Zum Beispiel einer Clique orthodoxer Bayern mit einem Hang zum unendlich Kleinen?
 
 
 

Beitrag vom 09.02.2003 
 
 
 
 

 

Zur Schwierigkeit, in den richtigen Maßstäben zu denken