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Martin Eschenbronner
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Die Verschichtung des Wissens

In den meisten Gebieten Indonesiens gibt es drei verschiedene Bereiche, die das menschliche Zusammensein regeln. Da ist zunächst das Adat, ein für uns Europäer schwer verständliches Gemisch aus religiösen Auffassungen und Gewohnheitsrecht. Adat ist in einem Stein, Adat enthält aber auch Gesetze für den Umgang zwischen Menschen. Dann gibt es einen uralten Bodensatz an Animismus. In jedem Baum und hinter jeder Straßenkrümmung lauern Geister. Schließlich kommt der Islam hinzu, meist in einer eher lässigen Ausprägung. Diese drei Bereiche sind nicht zu einem einheitlichen Ganzen verschmolzen, sie sind vielmehr einfach irgendwie ineinander verschichtet. Der Ausdruck "Verschichtung" ist für die Asienexperten etwas ganz geläufiges (vgl. z.B. Oskar Weggel, Die Asiaten, München, 1990, S. 331 ff).

Eigenartigerweise will bei uns Europäern der Gedanke nicht aussterben, dass unser Wissen auch heute noch ein Gebilde ist, das ein geschlossenes Ganzes darstellt und in dem alles mit jedem verschmolzen ist oder jedenfalls sein sollte. Dabei hat schon Ernst Bloch (und nicht als erster) darauf  hingewiesen, dass die Geschichte unseres Wissens nicht gradlinig und ohne unausgeleuchtete Winkel voranschreitet, sondern verschiedene Rhythmen und Räume umfaßt (Ernst Bloch, Erbschaft dieser Zeit, Zürich, 1935, S. 58). Im Grunde genommen entspricht die Auffassung Blochs dem gesamten Denken nach dem ersten Weltkrieg und bedeutet den Abschied von der klassischen Bildungsidee.

Warum dann nicht einfach eine Verschichtung des Wissens?

Eine Verschichtung unseres Wissens hat gegenüber einer Verschmelzung den Vorteil, dass nicht ständig die Frage nach dem Entweder-Oder gestellt werden muß, sondern das Sowohl-Als-Auch dominiert. Es braucht also nichts umgebaut zu werden, man kann vielmehr alles gleichwertig über- oder nebeneinander legen. Vor allem entfällt die Notwendigkeit, einzelne Wissenselemente als überholt oder als unnütz zu beurteilen. Die Frage heißen dann nicht mehr: Soll ein Gymnasium fremdsprachlich oder naturwissenschaftlich, allgemeinbildend oder berufsorientiert ausgerichtet sein? Soll man das Internet benutzen oder Bücher lesen? Soll man fernsehen oder verreisen? Denn die Antwort lautet stets: All dies ist richtig.

Keine Sorge! Die Verschichtung hat längst begonnen.
 
 
 

Beitrag vom 11. 06. 2003 
 
 
 
 

 

Das Wissen unserer Zeit ist nicht verschmolzen. Es ist verschichtet.