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Die Urknall-Scholastiker

Für die Scholastiker haben wir heute allenfalls ein herablassendes Lächeln übrig.

Die Philosophie der Scholastik war ein unordentliches Gebräu aus Logik und Anschauung. Heute herrscht die Auffassung, dass es nie zuvor und nie danach ein wilderes Gemisch aus Wissen und Glauben gegeben hat. Auch ist scheinbar ohne Beispiel, wie im 14. Jahrhundert locker mit der Beschreibung realer Systeme einerseits und theoretischer Modelle andererseits jongliert wurde.

Als Beipiel mag dienen, dass nach den Grundsätzen scholastischer Philosopie jede dreidimensionale Raumausdehnung körperliche Existenz implizierte. Ein anderer Grundsatz besagte, dass sich niemals zwei oder mehr Körper an derselben Stelle befinden können. Aus diesen beiden Grundsätzen wurde der Schluss gezogen, dass es keinen dreidimensionalen Raum geben könne. Denn der dreidimensionale Raum wäre ein Körper. Er könnte aber nicht seinerseits einen Körper beinhalten. Anschauung und Logik sind in dieser Argumentation fröhlich vermischt, und ob es um die Beschreibung der Realität oder um eine mathematische (geometrische) Überlegung geht, ist nicht erkennbar und allem Anschein nach auch gleichgültig.

Die Scholastiker sind niemals ausgestorben.

Die Himmelsgeometrie des Ptolemäus war ein Meisterwerk mathematischer Virtuosität. Der Mittelpunkt der planetarischen Kreise wurden aus der Erd- und Weltmitte herausgerückt und exzentrisch angenommen, so dass  Exzenter, Epizykeln und Äquanten als Hilfskonstruktionen für die Beschreibung der Planetenbahnen benutzt werden konnten. Durch eine entsprechend große Anzahl von Epizykeln ließ sich im Prinzip eine beliebige Genauigkeit bei der Darstellung der Planetenbewegungen erreichen. Ptolemäus hat nie den Anspruch erhoben, die Realität, also die "wahren" Planetenbahnen zu beschreiben. Sein Ziel war es allein, eine Vorhersage für die Platzierung der Planeten im Fixsternhimmel zu treffen, also das Phänomen zu erklären. Als Kopernikus im Jahre 1514 die Grundlage seiner neuen Betrachtung des Planetensystems beschrieb (Commentariolus) und dabei die Hypothese aufstellte, dass wir uns wie jeder andere Planet um die Sonne drehen, wollte er nicht die Realität beschreiben, sondern lediglich eine größere Einfachheit, Schönheit und Harmonie in der Beschreibung der Planetenbahnen erreichen. Kopernikus benutzte für seine Berechnungen weiterhin die Exzenter und Epizyklen des Ptolemäus.

Man mag gar nicht zuhören, wenn die heutigen Physiker über Ptolemäus spotten und Kopernikus loben, so als hätten diese statt mathematischer Annahmen Realitätsbeschreibungen produzieren wollen. Wer hier Anschauung und Logik vermischt, sind die heutigen Physiker. 

Am schlimmsten ist es mit den Urknall-Scholastikern.

Die Hypothese vom Urknall ist ein Gemisch aus Vermutungen, mathematischen Berechnungen und realen Feststellungen. Mit all diesen Elementen jonglieren Kosmologen und Hochenergiephysiker beliebig umher. Sie plaudern über den Urknall, als seien sie dabeigewesen und hätten ihn fotografiert. Dabei wirft die Hypothese vom Urknall nach wie vor zahlreiche ungelöste Fragen auf. Beispielsweise sollte nach dem ursprünglichen Modell(!) des Urknalls alles, was es im Universum gibt, quasi kontinuierlich, aber sofort, aus dem Nichts entstanden sein. Dann stellte man fest, dass eine solche Annahme mit den mathematischen Berechnungen(!) der Vorgänge beim Urknall und in der Zeit danach nicht in Einklang zu bringen war. Deshalb wurde die Zusatzhypothese (vergl. auch Exzenter, Epizyklen und Äquanten) des inflationären Universums aufgestellt. Danach soll das Universum in den Sekunden 10 hoch minus 33  bis 10 hoch minus 36 seiner Existenz um den Faktor 10 hoch 50 gewachsen sein. Da diese Geschwindigkeit über derjenigen des Lichts liegt, also nach Einstein eigentlich nicht sein dürfte, wurde statt einer Bewegung von Strahlung und Materie die Ausdehnung des Raumes postuliert (vergl. auch Exzenter, Epizyklen und Äquanten). Außerdem wird diskutiert, ob entsprechend dem Modell von Tryon die Entstehung von "Etwas" nicht vielleicht doch erst ab dem Beginn der Inflation einsetzte, vorher also immer noch "Nichts" da war. Jedenfalls wird ganz locker darüber geredet und geschrieben, was in der Sekunde 10 hoch minus 34 wirklich(!) geschah.

So schreckliche Scholastiker hat es nicht einmal im Mittelalter gegeben.

Eines ist natürlich anders geworden: Wenn Sie einem Urknall-Scholastiker den Vorwurf machen, er denke schlampig, wird er Sie der Religiosität bezichtigen.
 
 

Beitrag vom 27. 06. 2003 
 
 
 

 

Die Theoretiker des Urknalls vermischen locker Erfahrungswissen mit mathematischen Berechnungen und ineinander verschachtelten Hypthesen. Sie sind schlimmer als die Scholastiker des Mittelalters.