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Norbert Reisinger

Entweder Pietät oder Genauigkeit

Die Sprüche der Juristen
 
 
 

Richtersprüche
 
 

Mein Kollege Siegherr verhandelte eine Strafsache gegen einen Türken. Der Türke stritt rein alles ab und erzählte statt dessen die tollsten Märchen. Schließlich wurde es dem Siegherr zuviel und er ermahnte den Mann: „Nun lassen  Sie mal die Kirche...“ Sogleich verbesserte sich der Siegherr und sagte zu dem Türken:
„Nun lassen Sie mal die Moschee im Dorf!“
 

Wir hatten einen Hochstapler verurteilt. Im Urteil schrieb der Siegherr:
„In seiner angeberischen Art gab sich der Angeklagte als Besitzer eines Hotels auf dem Kniebis aus. Auch ließ er anklingen, er sei Stadtrat in Freudenstadt und seine Frau arbeite als Ärztin am dortigen Krankenhaus. Schließlich behauptete er sogar, daß sein Bruder Richter sei.“
 

Der Siegherr schwätzt schwäbisch. Er tat dies auch in den Gerichtsverhandlungen, und so schaffte er natürlich eine besondere Atmosphäre. Das muß auch ein Zeuge aus Hamburg gemerkt haben, der bei uns vernommen wurde. Jedenfalls geriet der Zeuge mit der Zeit ins Stottern, hörte dann auf mit Reden und sagte schließlich, man müsse entschuldigen, aber er sei nun mal kein Schwabe. Der Siegherr tröstete ihn:
„Sooo fürchterlich ischt des ja net!“
 

Der Vize-Paul hatte einen Mord zu verhandeln. Es war eine ziemlich dumme Sache, denn die Pistole, um die es ging, lag unter einem Berg von 40.000 Tonnen Müll begraben. In einer Pause fragte ein Bildreporter, der wohl nicht aufgepaßt hatte, ob er die Tatwaffe fotographieren dürfe. Der Vize-Paul antwortete:
„Gerne, wenn Sie sie finden!“
 

Der Chef der Staatsanwaltschaft Tennenbronn ist auch Pressesprecher. Als Staatsanwalt weiß er, daß Ausländer überdurchschnittlich kriminell sind. Und als Pressesprecher weiß er, daß er das nicht so einfach sagen darf. Deswegen drückte er sich so aus:
„Die ausländischen Straftäter sind stärker vertreten als die jeweiligen Dolmetscher, die wir brauchen.“
 

Mein Kollege Hellmuth hatte es mit einem Zeugen zu tun, der sich an rein gar nichts erinnern wollte. Der Hellmuth ließ ihn eine Weile herumreden, aber dann bremste er den Mann und sagte zu ihm, im Wilden Westen hätte keiner auf ihn geschossen. Als der Zeuge daraufhin ein verdutztes Gesicht machte, erläuterte der Hellmuth:
„Man kann net sagen, daß Sie zuviel wisset!“
 

Im Landgericht in Königsfeld brannte es. Die Feuerwehr wurde allarmiert und es kamen zwei Löschzüge dahergebraust. Weil es mächtig rauchte und stank, forderte die Feuerwehr alle Bediensteten auf, das Gebäude so schnell als möglich zu verlassen. Das taten wir auch. Nur der Vize-Paul mit der großen Strafkammer blieb im Schwurgerichtssaal. Sie wollten einfach mit ihrem Prozeß weitermachen. Auch die zweite Aufforderung der Feuerwehr wiesen sie zurück. Der beisitzende Richter erklärte:
„Das Hausrecht haben wir!“
 

Der Tennenbronner Amtsrichter Malewsky verhandelte einen Fall, bei dem ein Motorradfahrer wegen eines Lastwagens in hohem Bogen durch die Luft geflogen war. Wie durch ein Wunder hatte er nur ein paar Prellungen abbekommen. Im Plädoyer sagte der Verteidiger des Lastwagenfahrers: „Der Motorradfahrer ist per saldo nur leicht verletzt worden.“ Hier unterbrach ihn der Malewsky mit den Worten:
„Sie meinen wohl: per Salto!“
 

Für das Amtsgericht in Tennenbronn gab es früher ein eigenes Gefängnis. Es wurde dann aber geschlossen und statt dessen das Gefängnis in Königsfeld zuständig. Der Amtsrichter Malewsky ärgerte sich mächtig darüber. Als er nach einer Verhandlung  einen Angeklagten aus Tennenbronn freiließ, machte er folgenden Beschluß:
„Der Angeklagte, der auf Staatskosten aus der Justizvollzugsanstalt Königsfeld dem Amtsgericht Tennenbronn vorgeführt wurde, ist auf Staatskosten in die Justizvollzugsanstalt Königsfeld zurückzubringen, dort zu entlassen und auf Staatskosten mit einer Fahrkarte nach Tennenbronn zu versehen.“
 

Am Ende einer Gerichtsverhandlung in Tennenbronn war ein Gefangener abgehauen. Er kam allerdings nicht weit, denn an der nächsten Straßenecke verstellten ihm zwei Polizisten den Weg. Der Mann rannte deshalb zurück und versteckte sich in einem Gebüsch gleich neben dem Gericht. Aber auch das half ihm nicht viel, weil ihn die Polizisten beobachtet hatten. Sie fordeteten ihn auf, mit erhobenen Händen herauszukommen. Nun bekam es der Mann mit der Angst zu tun und rief: „Bitte, nicht schießen! Ich bin unbewaffnet.“ Der Malewsky, der alles mitbekommen hatte, schrie daraufhin zu den Polizeibeamten hinaus:
„Glauben Sie ihm kein Wort! Der lügt immer.“
 
 
 

Verhandlungsabläufe
 
 
 

Der Angeklagte hatte so etwa ein Dutzend Vorstrafen. Diesmal sah es aber ziemlich gut für ihn aus, und es sprach einiges für einen Freispruch. So ganz sicher war es allerdings nicht. Aber dann hatte der Angeklagte das letzte Wort. Er meinte:
”Ich weiß eigentlich gar nicht, was ich noch sagen soll. Aber das ist mir noch nie passiert, daß ich unschuldig vor Gericht bin.”
 

Wir hatten als Beschwerdekammer eine Anhörung im einem Psychiatrischen Landeskrankenhaus. Dort war eine verwirrte Frau untergebracht, aber das wollte sie gar nicht einsehen. Unsere Tätigkeit war etwas schwierig, weil andere Patienten Lärm machten und dazwischenredeten. Bei diesem Chaos meinte die Frau:
„Hier geht es zu wie im Irrenhaus.“
 

Bei einer Gerichtsverhandlung in Königsfeld wurde eine Zeugin in den Saal gerufen, der man gleich ansah, daß es eine alte, schon recht hinfällige Frau war. Als sie sich gesetzt hatte, schrie der Präsident zu ihr hin, ob sie noch gut höre und ihn verstehe.
„Wie bitte?“ fragte sie.
 

In einer Schwurgerichtsverhandlung wurde eine Zeugin vernommen. Wie es Vorschrift ist, erhob der Vorsitzende zuerst ihre Personalien, also Name, Adresse usw. Als er die Zeugin nach  ihrem Alter fragte, forderte diese den Vorsitzenden auf:
„Schätzen Sie mal!“
 

Der Chef der Staatsanwaltschaft Tennenbronn ist zwei Meter groß und wiegt drei Zentner. Er nahm an einer Hauptverhandlung beim Amtsgericht in Tennenbronn teil. Die Verhandlung ging tagelang und es wurden viele Zeugen vernommen. Als der Vorsitzende  wieder einmal einen Zeugen aufrief, kam ein Mann in den Sitzungssaal – zwei Meter groß und drei Zentner schwer. Daraufhin rief der Staatsanwalt:
”Endlich jemand, der aussieht, wie es sich gehört!”
 

Im Tennenbronner Gerichtsgebäude war es furchtbar heiß. Draußen schien die Sonne, und alle schwitzten. Am schlimmsten aber war, daß direkt vor dem Sitzungssaal einer mit einer Rüttelwalze arbeitete. Schließlich fehlte dann auch noch ein Zeuge, und man mußte in der Gegend herumtelefonieren. Es stellte sich dann heraus, daß der Zeuge der Mann mit der Rüttelwalze war. Als er sein Gerät ausgeschaltet hatte, trat eine himmlische Stille ein. Auch die Fenster konnten geöffnet werden. Es heißt, die Vernehmung des Mannes habe ziemlich lange gedauert.
 

Ich hatte einen Angeklagten, der eigentlich ein lieber Kerl war. Nur trank er gern, und wenn er getrunken hatte, wurde er gewalttätig. Außerdem war er schwachsinnig, und das machte die Sache nicht gerade einfacher. Der Angeklagte hatte wegen des Alkohols einen Therapieplatz bekommen, war aber schon nach einem Tag wieder abgehauen. Als der Sachverständige ihn fragte, warum er denn gleich fortgelaufen sei, antwortete der Angeklagte:
„Da hat’s weit und breit kei Bier gebe!“
 

Der Rechtsanwalt Borinski hatte einen Verkehrssünder zu verteidigen. Seine Arbeit war vergebens. Der Angeklagte wurde verurteilt. Nach der Verhandlung sagte der Mann zum Borinski:
”Jetzt war ich schon fünf mal vor Gericht. Und ausgerechnet, wenn ich unschuldig bin, verurteilen die mich.”
 

Dem Angeklagten wurde vorgeworfen, daß er jungen Leuten riesige Geldsummen gab, damit diese einen Kokainhandel aufziehen konnten. Es ging nun darum, ob er wußte, was mit seinem Geld gemacht wurde. Die Sache war verhältnismäßig einfach. Der Angeklagte hatte sich von den jungen Leuten Darlehensverträge unterschreiben lassen und darin jedesmal fein säuberlich eingetragen:
”Verwendungszweck unbekannt."
 
 
 

Internes
 
 

In Königsfeld gibt es ein Gefängnis. Dort gelang es einem Häftling, mitten in der Nacht auszubrechen. Dem diensthabenden Vollzugsbeamten mißfiel das, weil er eine schriftliche Meldung machen mußte und es für solche Fälle keine passenden Formulare gibt. Er nahm deshalb ein anderes Formular, und so kam mir folgende Meldung auf den Tisch:
„Der Beschuldigte hat sich zwischen 3.00 und 4.00 Uhr aus dem Gefängnis entfernt, ohne seine jetzige Anschrift zu hinterlassen.“
 

Mein Zimmer im Gericht lag früher schräg über dem des Präsidenten. Es war ein schönes Zimmer, in das die Sonne schien, und deshalb ließ ich häufig das Fenster offen. Eines Morgens besuchte mich ein junger Kollege zu einem Schwätzchen. Mitten in der Unterhaltung stand er plötzlich auf und machte das Fenster zu. Dann schimpfte er fürchterlich über den Präsidenten, und als er damit fertig war, machte er das Fenster wieder auf.
 

Der Umgang mit Liliputanern ist nicht einfach. Besonders schwierig ist es, wenn ein Liliputaner Ministerialrat ist und eine Fortbildungsveranstaltung leitet. Ein Teilnehmer der Tagung half dem Liliputaner in den Mantel. Wie dieser Tagungsteilnehmer heißt, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß er ein großer bärtiger Mann war und vier Kinder hat. Er half also dem winzigen Ministerialrat in den Mantel, oder besser gesagt, in das Mäntelchen. Aber dann machte er einen Fehler. Er drehte den kleinen Mann herum und wollte ihm die Knöpfe zumachen.
 

Die Schwurgerichtskammer konnte an einem Freitagnachmittag einen ziemlich großen Fall überraschend abschließen. Weil der Urkundsbeamte in der Woche danach Urlaub hatte, sagte der Richter Staub zu ihm, die Zeugen, die man jetzt nicht mehr brauche, lade er selber ab. Am Montagmorgen lag auf dem Schreibtisch der Kollegin des Urkundsbeamten folgender Zettel:
"Liebe Gisela,
der Staub will die Zeugen selbst abladen. Bitte schau’ danach , daß das in Ordnung geht!"
 

Zwischen der Staatsanwaltschaft und der großen Strafkammer gibt es immer wieder Spannungen. Die Staatsanwälte beklagen sich nämlich seit mindestens hundert Jahren, daß die Richter immer lascher werden. Vor seiner Versetzung zum Amtsgericht saß der Moshammer in der Kantine an einem Tisch mit lauter Staatsanwälten und mußte sich die üblichen Klagen anhören. Der Moshammer tröstete die Staatsanwälte: 
„Ich geh’ ja jetzt bald!“
 

Die Frau des Präsidenten war gestorben, und im Gericht wurde für einen Kranz gesammelt. Es sollte jeder zehn Mark zahlen. Ich sagte zum Siegherr, es sei eigentlich ungerecht, daß wir gleich viel bezahlen müßten, wo er doch Vorsitzender sei und mehr verdiene als ich. Der Siegherr entgegnete:
„Ich bin auch nicht trauriger als Sie!“
 

Der Schwurgerichtssaal des Landgerichts wurde restauriert. Bei dieser Gelegenheit sollte eine moderne Mikrofonanlage eingerichtet werden. Eines Tages wurde diese Anlage provisorisch aufgestellt, um sie zu testen. Damit für die Probe alle Mikrofone besetzt waren, mußte der Geschäftsleiter den Platz des Angeklagten einnehmen. Als dann für den Test ein Strafverfahren simuliert wurde und der Geschäftsleiter an der Reihe war, sagte er:
”Hohes Gericht! Ich möchte betonen, daß ich eigentlich gar nicht auf die Anklagebank gehöre!”
 

Der Richter Dr. Fotun lud zu einer kleinen Kaffeerunde ein. Ein sehr wichtiges und schwieriges Urteil seiner Kammer hatte in der Revision gehalten. Sein Kollege Hellmuth bedankte sich für die Einladung und fügte hinzu:
”Ich hoffe aber, du verstehst, daß ich nicht jedesmal zum Kaffee einladen kann, wenn bei mir ein Urteil hält!”
 

Der Siegherr ist ein Technikfan. So war er auch froh, als wir im Gericht neue Telefone bekamen, solche mit Tasten. Nur im Beratungszimmer blieb der alte Apparat hängen. Als der Siegherr dort einmal die Wählscheibe betätigen mußte, schimpfte er:
„Daß man hier noch den Finger in die Löcher stecken muß, es ist entwürdigend!“
 

Bei uns im Schwurgericht stimmte etwas mit den Lichtleitungen nicht. Eine der vier Lampen mußte man mit der Sicherung an- und ausmachen. Als einmal die Protokollführerin wissen wollte, wie das geht, führte der Siegherr sie zum Sicherungskasten und erklärte ihr bereitwillig, was zu tun ist. Zum Schluß zeigte er ihr, wie man den Knopf an der Sicherung drückt und sagte feierlich:
„Und dann leuchtet hier dieses herrliche rote Lämpchen auf!“
 

Es war Hauptverhandlung. In der Pause zog eine Schöffin ihre Armbanduhr auf. Das dauerte ziemlich lange, und deshalb erklärte uns die Schöffin, es sei schon einen alte Uhr. Sie gehe auch nicht mehr richtig, aber es handle sich um ein Andenken an ihren verstorbenen Mann, und darum sei ihr die alte Uhr lieber als eine neue. Mein Kollege Siegherr hatte Verständnis dafür. „Man muß sich halt entscheiden,“ sagte er,
„entweder Pietät oder Genauigkeit.“
 

Der Siegherr stöhnte darüber, daß er sich in der Hektik der Hauptverhandlung immer die Brille schmutzig mache. Eine Schöffin tröstete ihn und erzählte, auch sie habe dauernd schmierige Gläser, besonders wenn sie zu Hause in der Küche stehen müsse und das Fett herumspritze. Ich selbst sagte, bei mir schlage sich unentwegt der Schweiß und das Blut der Arbeit auf den Brillengläsern nieder. Der dritte Kollege hörte sich das alles an. Dann erklärte er: 
„Meine Brille ist immer sauber.“
 

Nach der Hauptverhandlung gegen eine weibliche Angeklagte kam der Vertreter der Staatsanwaltschaft Tennenbronn zu mir und schimpfte, daß so eine Frau bloß ein bißchen heulen müsse und schon bekomme sie ein mildes Urteil. Ich sagte zu ihm, das sei halt mal so. Wenn bei ihm zu Hause die Frau heule, dann gebe er doch auch nach. Wie ich schon erzählt habe: Der Mann ist zwei Meter groß und wiegt drei Zentner. „Bei mir zu Hause ist es anders,“ behauptete er,
„da heule ich!“
 

Das Landgericht Königsfeld hatte es mit einem ziemlich merkwürdigen Angeklagten zu tun. Er besaß falsche Geschlechtschromosomen. Statt ordentlich halbe halbe X und Y, hatte er lauter XY-Chromosomen. Wie der Sachverständige erklärte, kommt so etwas bei einer Million Menschen höchstens einmal vor. „Was machen wir bloß mit dem,“ stöhnte der Kollege Frech-Müller:
„wir können ihn doch nicht in den Zoo einweisen!“
 

Die Wachtmeister bei uns am Gericht müssen Gefangene bewachen, die Post sortieren, Fotokopien anfertigen und Akten herumtragen. Sie verdienen wenig, und deshalb ist es für sie besonders ärgerlich, daß oft viele Überstunden nötig sind, die ihnen als  Beamte nicht bezahlt werden. Als ich einmal einen Wachtmeister lobte, weil  er sich besonders Mühe gegeben hatte, antwortete er:
„Man tut halt sein Nötigstes.“
 

Der Wolfsrieger arbeitet beim Amtsgericht Tennebronn. Als ich dort einmal zu tun hatte und in seinem  Zimmer war, kam auch ein Rechtsanwalt dazu. Dieser fragte, warum eigentlich der Rechtsanwalt Soundso sein Auto auf dem Behindertenparkplatz abstellen dürfe. Ich erklärte, daß der doch gehbehindert sei. Der Wolfsrieger nickte und meinte nachdenklich:
„Ja, gehbehindert ist er auch!“
 

Der Siegherr und der Vize-Paul kamen sich oft wegen der Sitzungstage ins Gehege. Der Siegherr konnte sich nämlich einfach nicht merken, wann wer an der Reihe war. Eines Tages schlug der Vize-Paul dem Siegherr vor, doch einfach nach Kalenderwochen vorzugehen. In den geraden Wochen sollte der Vize-Paul an der Reihe sein  und in den ungeraden Wochen der Siegherr. Der Siegherr sah das irgendwie ein. Jedenfalls fragte er den Vize-Paul:
„Und was sind die ungeraden Wochen?“
 

Als ich eines Tages beim Chef der Staatsanwaltschaft Königsfeld im Zimmer saß, kam seine Sekretärin herein und richtete ihm folgendes aus:
„Der Präsident des Landgerichts hat angerufen. Er wollte Sie eigentlich aufsuchen, hat aber vergessen, warum. Nun läßt er fragen, ob Sie’s vielleicht wüßten!“
 

Das Gerichtsgebäude in Tennenbronn ist zwar relativ modern, aber nichr gerade ein Meisterwerk in punkto Architektur. Die Geschäftsleiterin wunderte sich einmal darüber, daß die Leute vom Oberlandesgericht in Stuttgart den Bau überhaupt abgenommen hatten. Sie meinte, da müsse man sich doch ans Hirn langen. Der Malewsky entgegnete:
„Da greifen Sie bei denen ins Leere!“
 

Es war Versammlung des Richtervereins. Auch die Ruheständler waren eingeladen. Während der Sitzung wurde darüber debattiert, ob man nicht wieder einmal zusammen eine Betriebsbesichtigung machen sollte. Ein jüngerer Kollege schlug vor, die Firma ”Aesculap” in Tuttlingen zu besuchen. Aber einer der Pensionäre wandte ein:
”Da waren wir doch erst kürzlich – vor sechs oder acht Jahren.”
 

Bei der Geschäftsleitung des Landgerichts muss man alle Nebentätigkeiten anmelden. Es wird sehr genau genommen, und deshalb fragte der Richter Staub:
”Wie ist das, wenn man alle zwei bis drei Wochen der Frau ein wenig im Haushalt hilft?”
 

Ein junger Amtsrichter hatte ein Urteil gemacht, bei dem er dem berühmten Gerichtsmediziner Prof. Dr. Dr. Mallach gefolgt war. Was der junge Richter nicht getan hatte, war, die Rechtsprechung des Landgerichts zu beachten. Dieses ist nämlich anderer Meinung als der Mallach und außerdem sind dort die Berufungsrichter. Als beim Landgericht  über das Urteil gesprochen und beschlossen wurde, es aufzuheben, bat der Landrichter Grindelmaier seinen Kollegen Hellnuth um Verständnis für den jungen Kollegen. Er sagte, immerhin habe sich der Amtsrichter ja dem großen Mallach angeschlossen. ”Das ist es ja”, antwortete der Hellmuth,
”er betet die falschen Götter an!”
 

Es war ein ziemlich komplizierter Fall. Ein Baggerfahrer hatte bei Bauarbeiten in einer Hauptstraße eine 81 Jahre alte Frau totgefahren. Es ging nun um die Frage, warum und wie die Frau überhaupt vor den Bagger geraten war. Dem Richter Staub war das alles zu dumm. Er meinte:
”Normalerweise wird eine Frau in dem Alter auch nicht mehr angebaggert.”
 

Die Fasnet ist im allemannischen Bereich eine sehr wichtige Sache. Auch der Chef der Staatsanwaltschaft Königsfeld sah  das so. Obwohl er ein Berliner ist. Am Schmotzigen Donnerstag verkleidete er sich, setzte sich eine Maske auf und stülpte sich eine Perücke über. Als sein Kollege aus Tennebronn ihn das erste Mal so sah, sagte er zu ihm:
”Jetzt sind Sie von einem echten Narren kaum noch zu unterscheiden”.
 
 
 

Referendarunterricht
 
 

Mit meinen ein Meter sechzig bin ich natürlich recht klein. Mir selber fällt das meistens gar nicht auf, aber manchmal werde ich halt doch daran erinnert. Ich hatte Referendarunterricht. Solange die Referendare vom Flur in den Unterrichtsraum hereintrotteten, hatte ich bereits hinter dem Lehrertisch Platz genommen. Während ich meine Unterlagen sortierte, kam ein riesengroßer Referendar auf mich zu. Er wollte mich vor Beginn des Unterrichts noch etwas fragen. Bevor er mich ansprach, ging er – unwillkürlich – in die Hocke.
 

Es war soweit, daß ich mir eine Lesebrille anschaffen mußte. Als ich die Brille zum ersten Mal bei den Rechtsreferendaren aufsetzte, wollte ich etwaige Heiterkeitsausbrüche vorwegnehmen. Ich erzählte deshalb, daß meine Frau behauptet, ich würde mit der Brille wie ein Osterhase aussehen. Kaum hatte ich die Brille aufgesetzt, rief die Sprecherin der Rechtsreferendare:
„Ihre Frau hat recht!“
 

Ich zeigte dem Hellmuth die Revisionsschrift eines Rechtsanwalts. Es war eine ausgesprochen stümperhafte Arbeit. Als ich mich beklagte und enttäuscht mitteilte, daß der Rechtsanwalt schließlich bei mir im Strafrechtsunterricht war, antwortete der Hellmuth:
„Ich war beim Kindermann!“
 
 
 

Juristen im Café
 
 

Im Café "Röthe" fragte der Kollege Fetsch mit der ihm eigenen lauten Stimme nach dem Tagesessen. Es gab Fleischküchle mit Beilagen für sieben Mark fünfzig. Das sei aber teuer, rief der Fetsch, und seine Stimme hallte durchs Lokal. Das sei aber ein kleines Fleischküchle, hörte man ihn bald darauf dröhnen. Es habe scheußlich geschmeckt, donnerte es kurze Zeit später durchs Café, ausgesprochen scheußlich, und er denke nicht daran, dafür sieben Mark fünfzig zu bezahlen. Als er dann nur fünf Mark bezahlen mußte, war der Fetsch versöhnt und brüllte:
„Ich gehöre schließlich nicht zu denen, die dauernd meckern!“
 

Zur Mittagsrunde im Café „Röthe“ gehört neben Richtern, Staatsanwälten und Advokaten auch zum Beispiel ein Geometer von einer nahegelegenen Behörde. Im Café „Röthe“ ist es normalerweise sehr voll. Einmal kam ich mit dem Geometer ins Lokal, da waren überhaupt keine Gäste anwesend. Als der Geometer sah, daß die Bedienung ein Dirndl trug, wies er auf die leeren Stühle und fragte:
„Habet Sie etwa gejodelt?!“
 

Als die Bedienung dem Geometer einmal einen Kuchen brachte, an dem vorne eine kleine Ecke fehlte, sagte er zu ihr, sie habe es wohl nicht lassen können, ein Stückchen zu probieren. Die Bedienung antwortete:
„Oh, Herr Geometer, bei Ihnen wird mir der Mund net wässrig!“
 

Der Geometer hatte zwei rote Würste bestellt. Als die Würste kamen, waren sie so winzig, daß wir alle lachen mußten. Die Bedienung entschuldigte sich, aber der Geometer wies auf sein Besteck und fragte:
„Könnt’ i dann wenigschtens a kleinere Gabel haben?“
 

Der Frech-Müller hatte eine Gemüseplatte bestellt und fragte, wo sie den bleibe. Als die Bedienung antwortete, sie werde schon kommen, meinte der Rechtsanwalt Schrön zu ihr:
„Da würd’ ich mich nicht darauf verlassen. Ich würd’ sie lieber holen!“
 

Als ich einmal mit dem Geometer und einem Rechtsanwalt im Café „Röthe“ saß, erzählte uns die Bedienung,  daß sie jeden Abend einen Cognac trinkt. Sie erklärte, daß sie sich das nicht nehmen lasse. Als wir sie fragten, ob sie denn immer einen so traurigen Tag habe, antwortete sie: „Ach was! Ich hab’ doch euch!“ Und dann fügte sie hinzu:
„Man wird bescheiden!“
 

Ich saß mit dem Rechtsanwalt Riefer und einem ägyptischen Dolmetscher zusammen. Während wir miteinander redeten, betrat der Bossi das Café und setzte sich ein paar Tische weiter. Der Ägypter starrte den Bossi ziemlich wütend an und erzählte uns dann, daß ihm der Bossi eine Rechnung über 230 DM nicht bezahlt habe. Der Rechtsanwalt Riefer gab dem Ägypter kurzerhand seine Karte und sagte, er solle ihm die Rechnung mit den 230 DM schicken. Der Riefer erklärte:
„Ich werde gegen den Bossi einen Mahnbescheid beantragen.“
 

Ein Rechtsanwalt beschwerte sich bei meinem Kollegen Frech-Müller, daß er vor drei Jahren eine Klage eingereicht habe, aber noch nichts geschehen sei. Der Frech-Müller antwortete ihm:
„Da sind Sie selbst schuld. Ich versuch’ seit drei Jahren zu kapieren, was Sie mit Ihrer Klage eigentlich wollen!“
 

Im Café „Röthe“ sagte der Chef der Saatsanwaltschaft Tennebronn zum Präsidenten des Landgerichts: „Wissen Sie, ich kenne die Schäfchen in meiner Gemeinde.“ Worauf der Präsident antwortete:
„Bei mir geht es halt gleich ums ganze Dekanat!“
 

Eines Tages kam der Chef der Staatsanwaltschaft Tennenbron (zwei Meter groß, drei Zentner schwer) etwas später zur Mittagsrunde im Café. Der Tisch war voll. Da baute sich der Staatsanwalt vor dem Arzt des Versorgungsamtes auf und sagte zu ihm:
”Sie wollten doch sowieso gerade gehen!”
 

Beim Mittagsstammtisch im Café wurde über die Weihnachtsfeiern gesprochen. Der Rechtsanwalt Regnier erzählte, daß er letztes Mal zuviel Alkohol getrunken habe. Am Morgen danach sei er fix und fertig gewesen. Er habe nicht nur einen Kater gehabt, sondern er sei regelrecht wehrlos gewesen. Die Bedienung des Cafés hatte dem Regnier zugehört und sagte:
”Wehrlos? So einen sollte ich mal haben!”
 

Der Staatsanwalt erzählte im Cafè, daß er mit seiner Frau im Schwarzwald Urlaub machen wolle. Er werde dann Pilze sammeln und sich diese abends in der Hotelküche zubereiten lassen. Sein Hobby habe bloß den Nachteil, daß es von seiner Frau nicht geteilt werde, weil sie keine Pilze möge. Die Bedienung tröstete den Staatsanwalt:
”Dann brauchen Sie schon keine giftigen sammeln!”
 

Ein Angeklagter hatte sich nach Bankok abgesetzt. Der Rechtsanwalt Guardini sinnierte im Cafè laut vor sich hin. Er meinte, daß es dem Mann eigentlich gut gehe. In Thailand sei es schön warm, und außerdem könne er ohne viel Geld leben. Die Unterkünfte seien billig und das Essen koste fast gar nichts. Die Bedienung ergänzte:
”Und auch der Nachtisch soll dort ja sehr preiswert sein!”
 

Der Frech-Müller beklagte sich, daß man ihn Frech-Müller nennt. Das sei ungerecht, er sei gar nicht frech. ”Aber mich ärgern Sie immer damit, daß ich so dick bin”, entgegnete der Staatsanwalt (zwei Meter groß, drei Zentner schwer). Worauf der Frech-Müller meinte:
”Ich würde nie sagen, daß Sie dick sind. Sie sind fett!”
 

Der Staatsanwalt Uetzel schimpfte im Café auf das Landgericht. Der Grindelmaier gab ihm zu bedenken, daß er sich nicht über das ganze Landgericht ärgern dürfe. Das seien schließlich lauter einzelne Richter. Er selber, der Grindelmaier, würde ja auch nie über die Staatsanwaltschaft schimpfen, sondern über den konkreten Staatsanwalt, der ihn ärgert. Und, so fügte der Grindelmaier hinzu, es gebe bei der Staatsanwaltschaft nun halt mal eineinhalb Verrückte. Der Uetzel sah das ein, brummelte aber, daß er eigentlich zwei Staatsanwälte sei. Worauf der Frech-Müller sagte:
”Dann fehlt uns aber ein halber Verrückter."
 
 

Juristen ganz privat
 
 
 

Die Rechtsanwältin Feh wollte unbedingt von ihrem Kollegen Borowski, der im gleichen Büro arbeitet, einmal geküßt werden. Aber der dachte gar nicht daran. Als zur Weihnachtszeit im Büro jemand Mistelzweige aufgehängt hatte, sah die Frau Feh ihre Stunde gekommen. Doch so einfach war das nicht. Kaum hingen die Mistelzweige, schimpfte der Borowski, daß das eine amerikanische Unsitte sei und mit dem Brauchtum in unserer Gegend rein gar nichts zu tun habe.
”Nichts da”, rief daraufhin die Frau Feh, ”Brauchtum ist Brauchtum!”
 
 

Bei einem Aufenthalt in Rumänien hatte ich einen Juraprofessor und einen Rechtsanwalt im Auto. Beide waren in dem Land zuhause. Als ich beim Ausparken einen anderen Pkw rammte, rieten mir die zwei, so schnell wie möglich weiterzufahren. Das tat ich auch. Der Juraprofessor merkte aber, daß mir ganz und gar nicht wohl dabei war. Er tröstete mich:
„Sie werden heute Nacht lernen, daß man auch mit einem schlechten Gewissen gut schlafen kann.“
 

Mein Kollege Siegherr war in Berlin, gerade, als dort die Mauer geöffnet wurde. Der Siegherr hatte Urlaub, und deshalb spazierte er überall hin, wo etwas los war. Er mischte sich auch unter die Schaulustigen am Brandenburger Tor. Als ihm dort ein fremder Mensch einfach zwei Tafeln Schokolade in die Hand drückte, war der Siegherr etwas irritiert. Aber erst ein wenig später beschloß er, sich von seiner geliebten alten Lederjacke zu trennen. Der Siegherr war nämlich in einen kleinen türkischen Gemüseladen gegangen, weil er Lust auf Trauben hatte. Die Türkin, die dort bediente, riet ihm:
„Du nix kaufen teure Trauben, billige auch gut!“
 

Als der Kollege Fetsch einmal bei uns zu Hause war, lösten wir gerade unsere alte Küche auf. Es war ein roter Klappstuhl dabei, und der Fetsch wollte ihn haben. Wie vereinbart, nahm ich wenig später den Stuhl mit ins Gericht, und weil der Fetsch gerade nicht da war, stellte ich das Ding einfach in sein Dienstzimmer.Nach ein paar Wochen kam ich zum Fetsch ins Zimmer und sah, daß unser roter Klappstuhl immer noch dort stand. Als ich ihn darauf ansprach, antwortete der Fetsch:
„Was soll ich machen? Den hat mir irgendein Idiot einfach ins Zimmer gestellt!“
 

Der Richer Schienke hatte schlechte Laune. Es gab saumäßig viel Arbeit, und außerdem wollte er schon seit langem zum Gericht nach Konstanz, aber es klappte einfach nicht. Ich versuchte, ihn auf dem Rückweg vom Café „Röthe“ auf andere Gedanken zu bringen. „Guck’ mal, dort blüht der erste Krokus!“ sagte ich. 
„Na und?“ brüllte er mich an.
 

Unser früherer Präsident stand vor einer By-Pass-Operation. Der Arzt erkärte ihm, wie das Ganze zeitlich abläuft, nämlich zwei Wochen Herzabteilung samt Operation und Intensivstation, dann noch zwei Wochen Innere und anschließend Reha-Klinik.
„In günstigen Fällen“, so fügte der Arzt hinzu, „ist alles in fünf Minuten erledigt!“
 

Einige der älteren Kollegen haben eine Segeljacht am Bodensee. So auch der Wolfsrieger vom Amtsgericht Tennebronn. Er hatte uns  zum Segeln eingeladen. Als wir in seinem schicken Boot übers Wasser glitten, fragte ich ihn, ob es eigentlich noch etwas zum Träumen gebe, wenn man so ein Boot habe und dazu noch einen Liegeplatz. Der Wolfsrieger antwortete:
„Dann träumt man halt von einer neuen Vorschotfrau!“
 

Der Chef der Staatsanwaltschaft Tennenbronn war beim Friseur gewesen, und der Amtsrichter schimpfte mit ihm, weil es in der Dienstzeit war. Der Staatsanwalt sagte, daß ihm die Haare ja schließlich auch im Dienst wachsen. Das ließ der Amtsrichter aber nicht gelten. Er meinte, die Haare würden genauso in der Freizeit wachsen. Worauf der Staatsanwalt entgegnete:
„Deshalb habe ich mir ja auch keine Glatze schneiden lassen!“
 

Mein Kollege Hellmuth betreibt als Hobby die Imkerei. Es war ein ziemlich kalter Sommer, und da blieben dem Hellmuth seine Bienen wochenlang in ihren Stöcken. Als ihn der Wolfsrieger fragte, was denn die Bienen machen, wenn sie nicht ausfliegen, erklärte der Hellmuth:
„Die fressen meinen Honig!“
 

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